Perspektiven für die sprachliche Bildung in Hessen
Erkenntnisse aus der Auftaktbefragung
Wie wird alltagsintegrierte sprachliche Bildung und Förderung in Hessen umgesetzt? Welche Herausforderungen bestehen im pädagogischen Alltag und welche Unterstützung wünschen sich pädagogische Fachkräfte?
Diesen Fragestellungen widmete sich die Befragung zur Anmeldung der Auftaktveranstaltung des Kompetenzzentrums, die am 9. Juni 2026 im Schloss Biebrich stattfand. Rund 200 Teilnehmende aus Praxis, Wissenschaft, Verwaltung und weiteren Handlungsfeldern kamen zusammen, um sich über die Zukunft der sprachlichen Bildung und Sprachförderung in Hessen auszutauschen.
Ihre Stimmen aus der Praxis
Die Ergebnisse der Befragung geben einen Einblick in die Perspektiven, Bedarfe und Erwartungen der Teilnehmenden. Sie zeigen, welche Themen besonders relevant sind, wo Handlungsbedarf gesehen wird und welche Impulse für die Weiterentwicklung der sprachlichen Bildung gesetzt werden sollten.
Gleichzeitig bilden sie eine wichtige Grundlage für die zukünftige Arbeit des Kompetenzzentrums, welches seine Angebote konsequent an den Bedürfnissen der pädagogischen Fachkräfte und ihrem Praxisalltag ausrichtet. Die Fragen wurden so formuliert, dass sich insbesondere die Bedarfe und Weiterentwicklungsmöglichkeiten der sprachlichen Bildung und Förderung in Hessen daraus ableiten lassen können.
Die zentralen Erkenntnisse im Überblick
Sprachbildung wird als Querschnittsaufgabe verstanden und in den gesamten Kita-Alltag integriert. Der Fokus liegt auf Interaktion, soziale Teilhabe und sprachliche Begleitung in Alltagssituationen.
Grundverständnis & Orientierung
Die sprachliche Bildung und Förderung orientiert sich an den Leitprinzipien des Bildungs- und Erziehungsplans für Kinder von 0 bis 10 Jahren in Hessen (BEP) und wird durch das sprachliche Begleiten von Schlüsselsituationen und situativen Sprachanlässen der Kinder umgesetzt.
Methoden und Materialien
Vielfältige Werkzeuge kommen zum Einsatz: Bildkarten-Ringe, interaktive Tafeln, Sprachwerkstätten und mehrsprachige Bücher. Häufig genannte Aktivitäten sind Vorleseprojekte, Kamishibai, Erzählsäckchen sowie Lieder und Reime. Auch gebärdenunterstützende Kommunikation (GuK) findet Anwendung. Digitale Tools werden noch selten genutzt. Wenn sie im Einsatz sind, dienen sie der Recherche, kreativen Fotodokumentation, Portfolio-Gestaltung oder als Impuls für Erzählrunden und Hörgeschichten. Eine pädagogische Begleitung durch Fachkräfte wird dabei stets betont.
Integration & Interaktion
Sprache findet kontinuierlich in allen Alltagssituationen statt: beim Wickeln, Essen oder im Freispiel. Fachkräfte erweitern kindliche Äußerungen durch eine feinfühlige, dialogorientierte Haltung.
Teamqualifizierung & Zusammenarbeit mit Familien
Regelmäßige Teamreflexion und der Einsatz von Sprachmultiplikatorinnen und -multiplikatoren stärken die Einrichtungen. Die Zusammenarbeit mit Familien erfolgt durch vielfältige Gesprächsformate, mehrsprachige Angebote und gezielte Informationen zur Bedeutung und Förderung von Sprache.
Herausforderungen im pädagogischen Alltag
Als zentrale Herausforderungen in der Umsetzung von alltagsintegrierter Sprachbildung werden vor allem Personal- und Zeitmangel, die zunehmende Heterogenität der Kinder, Qualifizierungsbedarfe der Fachkräfte und Sprachbarrieren zwischen Fachkräften, Kindern und Eltern genannt.
Trotz einer positiven Grundhaltung zu Mehrsprachigkeit variiert Einbindung und die Sichtbarkeit der Sprachen stark. Viele Einrichtungen sehen Potenzial darin, die Sprachenvielfalt bewusster aufzugreifen.
Sichtbarmachung von Sprachen
Die Sichtbarkeit der verschiedenen Sprachen der Kinder in den Einrichtungen variiert stark, von „wenig/kaum“ bis „sehr gut“ oder „absolut sichtbar“. Genutzt werden vor allem mehrsprachige Begrüßungen, Bücher, Lieder, Aushänge und digitale Übersetzungstools. Gewünscht wird eine stärkere Verbreitung des Translanguaging-Ansatzes sowie eine kultur- und diversitätssensible Teamkultur.
Einbindung von Familien & Fachkräften
Die Zusammenarbeit mit Familien wird oft durch mehrsprachige Infobroschüren, Elternbriefe oder Vorlesetage gestaltet. Besonders bei mehrsprachigen Vorlesetagen können die Familien verschiedene Sprachen in den pädagogischen Alltag einfließen lassen. Einrichtungen nutzen zudem zunehmend die Mehrsprachigkeit der Fachkräfte oder Dolmetscherinnen und Dolmetscher als wertvolle Ressource.
Hürden im pädagogischen Alltag
Hohe Fluktuation, laufende Teamentwicklungsprozesse und Krankenstände binden Ressourcen, die für die konzeptionelle Vertiefung von Mehrsprachigkeit fehlen. Die bewusste sprachliche Begleitung rückt durch den stressigen Alltag oft in den Hintergrund.
Zudem beeinflusst der Fokus des Schulsystems auf die deutsche Sprache und der gesellschaftliche Druck, Deutsch als Alltagssprache zu priorisieren, die Integration verschiedener Sprachen in den pädagogischen Alltag.
Der Austausch mit Familien über die Sprachentwicklung ihrer Kinder erfolgt primär über Entwicklungsgespräche oder in Tür-und-Angel-Gesprächen. Die persönliche Ansprache wird als Basis für einen vertrauensvollen Beziehungsaufbau benannt.
Kommunikationsformate
Die Basis der Kommunikation bilden Tür-und-Angel-Gespräche und jährliche Entwicklungsgespräche. Dabei dienen Instrumente zur Sprachstandserfassung als Austauschgrundlage. Ergänzt werden diese Formate durch Elternabende, Elterncafés, Projektausstellungen oder Angebote wie „Plapperstübchen“ und mehrsprachige Buchausleihen. Auch digitale Lösungen wie Kita-Apps, WhatsApp oder E-Mail werden zur Kommunikation eingesetzt.
Netzwerkarbeit
Einige Teilnehmende betonen die Wichtigkeit externer Kooperationen im Sozialraum, insbesondere die intensive Zusammenarbeit mit der Logopädie und den Schulen. Zudem werden durch gemeinsame Aktionen in den Einrichtungen Möglichkeiten zum Austausch unter den Familien geschaffen.
Informationsmaterialien für Familien
In der Umfrage wurde der Wunsch nach weiteren mehrsprachigen und leicht verständlichen Materialien (Flyer, Poster) – insbesondere für seltener vertretene Sprachen geäußert. Gefragte Themen:
- Bedeutung der Erstsprache, Mehrsprachigkeit und Sprachentwicklung
- Informationen zur alltagsnahen Sprachbildung und -förderung in den Familien (u.a. praktische Anregungen und Spielideen)
- Informationen über das deutsche Kita-System, pädagogische Abläufe & zum Schulstart
- Infos zu Hilfesystemen und regionalen Vernetzungsmöglichkeiten
Dolmetscher- & Digitallösungen
Gewünscht wird ein einfacherer Zugriff auf Dolmetscherinnen und Dolmetscher, die idealerweise pädagogisches Grundverständnis mitbringen. Auch verlässliche digitale Übersetzungs-Apps, gern mit Vorlesefunktion, und Bild-/Filmmaterial in kurzer, einfacher Sprache werden gefordert.
Handlungsansätze für das Kompetenzzentrum
Die vielfältigen Rückmeldungen aus der Praxis machen deutlich: Der pädagogische Alltag ist hochkomplex, und die Fachkräfte leisten eine wertvolle Arbeit in der sprachlichen Bildung. Gleichzeitig zeigen die genannten Herausforderungen, dass ein Bedarf an alltagsintegrierter und passgenauer Unterstützung besteht.
Als Kompetenzzentrum nehmen wir die geäußerten Bedarfe ernst und möchten auf Grundlage der Befragung konkrete Handlungsansätze und Lösungsvorschläge entwickeln, um die Praxis in Hessen schrittweise zu stärken. Aus den Ergebnissen der Auftaktbefragung und dem Auftrag des Kompetenzzentrums ergeben sich dafür folgende Schwerpunkte:
Unterstützungsstrukturen im pädagogischen Alltag etablieren
Regional verortete Sprach-Coaches sollen Akteurinnen und Akteuren in der frühen Bildung zur Seite stehen. Zudem wird mit der digitalen Lernplattform und dem KI-gestützten Chatbot „MiRa“ ein niedrigschwelliges Angebot entwickelt, das es Fachkräften ermöglichen soll, sich fachliche Impulse und evidenzbasierte Antworten auf Praxisfragen zeit- und ortsunabhängig einzuholen.
Sicherheit im Umgang mit Mehrsprachigkeit und Heterogenität fördern
Das Kompetenzzentrum versteht Mehrsprachigkeit als Ressource und bildet pädagogische Fachkräfte im Umgang mit Heterogenität fort. In der „Lernwelt“ erhalten alle Akteurinnen und Akteure in der frühen Bildung Qualifizierungsangebote rund um Themen wie Auffälligkeiten im Spracherwerb, Sprachentwicklungsstörungen, Entwicklungsstörungen oder Behinderungen. Auf der zentralen digitalen Plattform „Sprach-Wissen“ sollen zudem konkrete Methoden und Best-Practice-Beispiele gebündelt werden, um den Teams alltagstaugliche Werkzeuge für eine diversitätssensible Praxis an die Hand zu geben.
Brücken bauen in der Zusammenarbeit mit Familien
Der Wunsch nach direkt einsetzbaren Hilfsmitteln wird vom Kompetenzzentrum aufgegriffen. Das Kompetenzzentrum strebt an, mehrsprachige Informationsmaterialien, Elternbriefe und Aufklärungsbögen über die Webseite zentral zum direkten Download bereitzustellen. Ergänzend sollen Formate wie der Podcast „Sprachen Live“ oder Webinare entwickelt werden, die sich gezielt an die verschiedenen Akteurinnen und Akteure der frühen Bildung richten, um diese niedrigschwellig über Themen rund um sprachliche Bildung und Förderung zu informieren.
Digitale Medien als ergänzendes Werkzeug erschließen
Das Kompetenzzentrum möchte einen Raum bieten, den pädagogisch begleiteten Einsatz digitaler Instrumente zu erproben und zu reflektieren. In themenspezifischen Fortbildungsmodulen in der Lernwelt sollen Konzepte erarbeitet werden, wie digitale Medien als selbstverständlicher und entlastender Teil der Sprachbildung in Hessen genutzt werden können.